Leiste ich mir den Maßanzug oder kaufe ich von der Stange?
Die gleiche Frage kann man sich auch beim Hausbau stellen.

Immer wieder werde ich mit der Frage konfrontiert, was vernünftiger sei - ein Haus nach Maß vom Architekten zu bauen oder lieber doch ein fix und fertiges zu kaufen. Die Antwort ist gar nicht so einfach. Auf den ersten Blick scheint es, als wären die Vorteile des einen die Nachteile des anderen.

Jeder dritte Bauherr in Österreich entscheidet sich für ein Fertigteilhaus und dessen Vorteile: Zeitersparnis, Geldersparnis, Nervenersparnis. Der Käufer schaut sich das Musterhaus an und versteht, was er kauft. Es gibt einen Fixpreis und darüber hinaus sogar noch einen garantierten Herstellungstermin.

Genau diese Wünsche kann der Architekt nicht erfüllen. Er kann zwar Referenzprojekte herzeigen, aber das neu zu planende Haus wird stets anders ausfallen. Die Zeitspanne von  Planungsbeginn bis Fertigstellung ist länger als beim Fertighaus. Die Kosten des „Architektenhauses“ werden zwar wohl geschätzt, ein Fixpreis kann jedoch nicht garantiert werden.

Die Vorteile eines individuell geplanten Hauses sind allerdings auch nicht von der Hand zu weisen. Es kann alle örtlichen und topografischen Umstände des Grundstückes berücksichtigen und bezieht die Himmelsrichtungen, Blickrichtungen und die Situation zu den Nachbarhäusern in die Planung mit ein. Was das Raumprogramm und die Materialauswahl betrifft, sind den Wünschen der Benutzer (fast) keine Grenzen gesetzt. Das alles kann der Kauf eines Fertigteilhauses wiederum nicht bieten.

Allmählich bahnt sich jedoch ein Umdenken an. Einerseits beginnen Hersteller von Fertighäusern, Architekten in die Planung miteinzubinden. Andererseits hat die Architektenschaft das Thema der Vorfabrikation von Bauteilen aufgegriffen und beschäftigt sich zunehmend mit der Entwicklung von vorgefertigten Gebäudemodulen. Eine Win-Win Situation also.

Der Dachgeschoßausbau und die Errichtung von Kleingartenhäusern beispielsweise wären ein Betätigungsfeld, in dem Fertighausfirmen und Architekten effizient zusammenarbeiten könnten. Dachgeschoßausbau und Kleingartenhaus unterliegen beide komplizierten Bebauungsbestimmungen und haben oftmals schwierige örtliche Gegebenheiten. Das Zusammenspiel von Kreativität des Architekturbüros und technisch intelligenter Lösung des Fertighausherstellers könnten hier preiswerte und qualitativ hochwerte Produkte hervorbringen.

 

Architekt DI Heinz Lutter
für die Tageszeitung »Der Standard«

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