Chop-Suey isst man mit Stäbchen, nicht aber ein Schnitzel.
Welche Bedeutung hat Feng-Shui in der westlichen Baukunst?

Von meiner Reise in die chinesischen Städte Peking, Hongkong und Schanghai sind mir von den unzähligen Hochhäusern zwei besonders markante Bauten in Erinnerung geblieben. Bei dem einen Bauwerk klafft in 50 Meter Höhe ein riesiges Loch. Beim anderen wiederum ist das Erdgeschoß völlig unbebaut. Man erklärte mir, dass diese Eigenheiten auf Anraten der Feng-Shui-Berater entstanden wären –der Drache solle ungehindert durch das Loch und durch das Erdgeschoß fliegen können. Ich war baff.
Auf einem der teuersten Grundstücke der Welt bleibt ein ganzes Geschoß ungenutzt. So etwas scheint hier zu Lande kaum realisierbar.
Die chinesische Kultur und Wissenstradition ist von Symbolen und Zeichen geprägt. Feng-Shui - basierend auf der Jahrtausende alten Philosophie des Taoismus - ist in diesem Kontext eng mit der Denk- und Lebensweise der Menschen verbunden.
Die europäische Kultur hingegen bedient sich anderer philosophischer Konzepte, etwa der Vorstellung vom autonomen Subjekt oder der Gegensätzlichkeit von Geist und Körper. Nicht zuletzt unterscheiden sich daher auch die Vorstellungen von gutem Wohnen.
Seit geraumer Zeit jedoch interessieren sich in Europa immer mehr Menschen für fernöstliche Kulturpraktiken – für medizinische Anwendungen, für Kampfsportarten und Meditationstechniken. Auch Feng-Shui erfreut sich anhaltender Popularität.
Wie kann Feng-Shui also in die Planung einbezogen werden? Bedarf es umfangreicher Studien oder genügen etwa die Ratschläge von mehr oder weniger kundigen Beratern? Welche Rolle spielt dabei der kulturelle Kontext? Muss man die Symbolik verstehen oder genügt der Glaube daran? Fragen über Fragen.
Bisher haben sich viele westliche Färbungen von Feng-Shui entwickelt, manche davon verknüpfen die östliche Lehre mit europäischen Traditionen.
Gleichgültig in welcher Ausprägung Feng-Shui Anwendung finden soll - in jedem Fall muss die Einbindung schon vor Beginn der Planung stattfinden. Bauherrschaft, Fachberater und Architekt müssen den Stellenwert des Feng-Shui für die konkrete Bauaufgabe gemeinsam ausloten. Allein ein paar Feng-Shui-Elemente über ein Bauwerk zu streuen, als würde man das fertig gekochte Mahl noch einmal nachsalzen, ist jedoch sinnlos.

Architekt DI Heinz Lutter
für die Tageszeitung »Der Standard«

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