Zuschnitt

Zeitschrift über Holz als Werkstoff und Werke in Holz

Juni 2011 Nr. 42 | Elfter Jahrgang
ISBN 978-3-902320-83-4

Dachausbauten in Wien

Der Wiener Architekt Heinz Lutter ist mit der Bauaufgabe des Dachaus- und -aufbaus bestens vertraut. Bereits 2003 hat er mit einer Fertigteilbauweise aus Holz und einem mutigen hellblauen Anstrich einem Gründerzeithaus einen zeitgemäßen Abschluss gegeben. Im folgenden Text beschreibt er, warum es in den letzten Jahren in Wien immer schwieriger geworden ist, kreative Lösungen im Dachbereich auszuführen und wo er weiteres Potenzial sieht.

Heinz Lutter

Als ich in den 1990ern mit Planungen für Dachgeschoßausbauten begann, erschloss sich mir Wien auf einer neuen Ebene.

Der Blick über die Dächer in 20 Metern über der Straße eröffnete neue Perspektiven: Licht, Sonne und Ausblicke wurden zur Grundlage für offene Grundrisse und freie Formen der Erweiterungen der Gebäude über den letzten Stockwerken. In der architektonischen Diskussion mit der Magistratsabteilung für Architektur und Stadtgestaltung (MA 19) konnte man durchaus spannende Projekte jenseits der Satteldach-Gaupen-Architektur genehmigt bekommen. Dachausbauten wurden zu einer neuen kreativen Möglichkeit der Stadtverdichtung.
Durch die Einführung der Erdbebennorm ÖNORM B 4015 und der OIB-Richtlinien (Österreichisches Institut für Bautechnik) sowie durch die Änderung des § 69 der Bauordnung für Wien hat sich die Situation geändert – die Möglichkeiten für Dachausbauten wurden dadurch erschwert und verteuert. Die Erdbebennorm war die erste Änderung. Es wird nunmehr zwischen Dachgeschoßausbau „leicht“ und „schwer“ unterschieden.
Unter bestimmten Kriterien kann der kostengünstigere Dachgeschoßausbau „leicht“ durchgeführt werden, „schwer“ bedeutet im Wesentlichen eine statische Ertüchtigung des gesamten Gebäudes. Beim Ausbau „leicht“ darf die Gewichtszunahme maximal 720 kg/m² der Dachfläche des Gebäudes betragen. Die zusätzliche Nutzfläche darf maximal 150 Prozent der bestehenden Grundfläche des Gebäudes betragen, was in etwas eineinhalb Geschoße bedeutet. Der „Ingenieurbefund“ eines Statikers stellt fest, ob ein Dachgeschoßausbau „leicht“ möglich ist.
Die Ausnahmegenehmigung für eine geringfügige Überschreitung der Gebäudehülle gegenüber dem Bebauungsplan wird durch den § 69 geregelt. Für diesen gilt nun: Ein bisschen mehr geht nicht mehr. Jede gewünschte Überschreitung muss begründet und es muss nachgewiesen werden, dass durch die Überschreitung eine Qualitätsverbesserung für Benutzer und Stadtbild erreicht wird.
Die OIB-Richtlinien und die Bauordnung bilden die gesetzlichen Grundlagen für das Bauen. In ihnen sind Wärme-, Schall- und Brandschutzbestimmungen festgelegt sowie Fluchtwege, zweite Rettungswege, barrierefreies Bauen und anderes mehr geregelt. Diese Bestimmungen sind bei einem Neubau ohne Weiteres zu erfüllen, aber bei einem Bestandsgebäude werden sie manchmal zu gravierenden Hürden. Erdbebennorm, § 69 und OIB-Richtlinien verhindern den Dachgeschoßausbau nicht, vergrößern den Planungsaufwand aber erheblich.
Ein entscheidendes Kriterium für die Machbarkeit eines Dachgeschoßausbaus ist das Gewicht, weshalb dem Werkstoff Holz große Bedeutung zukommt. Heute werden Dachausbauten meist in einer Kombination aus konstruktiven Stahlbau und einer Ausfachung mit mehrschichtiger Holzkonstruktion ausgeführt.
Für den Dachgeschoßausbau Spitalgasse 25 in Wien entwickelte ich 2003 zum ersten Mal – gemeinsam mit einer Tiroler Zimmerei – eine Fertigteilbauweise, bei der sämtliche Wände und Decken in Elementen vorgefertigt und auf der Baustelle zusammengefügt wurden.
Im Jahr 2010 führte ich den Dachausbau in der Alserbachstraße 11 in Wien mit einem Generalunternehmer für ein- und mehrgeschossigen Holzbau durch. Diese Zusammenarbeit erwies sich aus mehreren Gründen als optimal: Die Firma hat Erfolg mit der Fertigbauweise, sie erzielt durch Vorfertigung eine hohe Qualität und ist architektonischen Lösungen gegenüber aufgeschlossen. Alle Fenster und Türen samt Anschlüssen an Wänden kommen im Trockenen viel besser ausgeführt werden als auf der Baustelle. Der Erfahrungsaustausch zwischen mir als Architekt und der ausführenden Firma kam der Planung zugute und verkürzte die Bauzeit. Ich werde immer wieder gefragt, wie sich der Dachgeschoßausbau weiterentwickeln wird. Wie gesagt, es ist schwieriger geworden, aber das Wohnen auf oder über den Dächern hat immer noch seinen Reiz. Ein noch nicht erkanntes Potenzial sind die vielen Bauten aus den 1950er bis 1980er Jahren mit ihren Flachdächern. Ich glaube, diese oft kritisierten und billig anmutenden „Kisten“ haben einen Charme des zweiten Blicks. Auf diese Bauten etwas Besonderes „draufzusetzen“, könnte eine Bereicherung sein. Mein Büro bearbeitet zurzeit ein solches Projekt in der Hellwagstraße im 20. Bezirk in Wien.