AIT Architektur - Innenarchitektur - Technischer Ausbau / 6 - 2000
Mit allen fünf Sinnen


"Das Auge isst mit", behauptet ein bekanntes Sprichwort. Das Wiener Restaurant "Guess Club" geizt daher nicht mit visuellen Reizen. Fast möchte es scheinen, als hielte das Interieur des Lokals in der Kärntner Straße für jeden Essenswunsch das passende Ambiente bereit. Von metallisch-kühl bis hölzern-gediegen reicht die Bandbreite der sinnlichen Erlebnisse.

Wird im Zusammenhang mit Essen von "Sinnenfreuden" gesprochen, ist in der Regel das gemeint, was tatsächlich verzehrt wird - seien es üppig hergerichtete Büfetts oder die schmale, aber aufwendig dekorierte Kost der "Nouvelle Cuisine". Im Wiener "Guess Club" dagegen wird die Kombination "food/design" als Gestaltungsmotto an allen Stellen am und im Gebäude erlebbar. Schon an der Fassade des Hauses aus der Jahrhundertwende zelebrieren Videosequenzen der beiden Künstler Gustav Deutsch und Hanna Schimek die Prozedur der Essenszubereitung auf verfremdete Art: Ganz dem englischsprachigen Stil des Etablissements angepasst, verbergen sich hinter Bezeichnungen wie "Division", "Transformation" und "Separation" eigentlich ganz banale Handlungen wie das zerkleinern von Gemüse, das Aufschlagen eines Eis oder das Schmelzen von Butter in der Pfanne.

Beim Eintreten in das Gebäude lässt sich dann die Umsetzung des eben gesehenen in die Realität bestaunen: Auf der rechten Seite der kurzen Zugangsrampe kann der Gast durch einen langen Fensterschlitz direkt in die Küche blicken. Gegenüber befinden sich die "Chef's Tables", eine lange Theke, von wo den Köchen bei der Arbeit zugeschaut werden kann. Fast erweckt das frontale gegenüber von Küche und Tischen den Eindruck, dass sich Köche und Gäste hier wie beim Ping-Pong-Spiel gegenseitig die Happen zuwerfen.

Im Inneren des Lokals wird das Leitmotiv "food/design" zur allgegenwärtigen Kulisse auf einer Bühne, die sich in sehr unterschiedliche Bereiche gliedert. An den Wänden sind große hinterleuchtete Paneele mit bedruckter Kunststofffolie angebracht. Sie kleiden jeden Raum in ein eigenes Gewand und geben ihm seine eigene farbliche Stimmung. Das Thema "Haut" wird in der Wandverkleidung vielfältig variiert, immer mit bezug auf "food/design": Auf den Eingangsraum folgt die langgestreckte Lobby, deren Wände mit Fotografien von Kuhhäuten bespannt sind. In Farbe und Material darauf abgestimmt sind die braunen Klubsessel und lange Sitzbänke aus Leder, die sich um kleine Tische gruppieren. Gleiches gilt für den "Shining Dining Room" direkt nebenan, wo der Gast völlig in ein cremefarbenes Ambiente eintaucht.

Zentral im Obergeschoss liegt der "Pfirsichraum", der ganz in Orange gehalten ist. Er öffnet sich auf eine Lichthof, der gleichzeitig als Gewächshaus dient. Allerdings kommt keine der genmanipulierten Pflanzen, die hier gedeihen, tatsächlich auf den Tisch des Hauses. Sie sind lediglich Schauobjekte, die zum Nachdenken über unsere Nahrung und ihre Herkunft anregen sollen.

Das Prunkstück des Hauses ist ohne Zweifel die "Fish Bar" im Untergeschoss: Lang und metallisch glänzend, spiegelt die Thekenoberfläche das Fischschuppenmuster der Wandverkleidung wieder, die dem Raum seinen Namen gab. Die großflächige, gleichmäßige Beleuchtung erweckt eigentlich nie den Eindruck, in einer Kellerbar zu sein. Eher schon lässt sie vermuten, dass sich hinter der Fischhaut ein großes Fenster verbirgt, durch das Tageslicht ins Innere dringt.

Im Einklang mit der visuellen Vielfalt der Innenräume steht auch das kulinarische Angebot des "Guess Club": Chefkoch Peter Mark bezeichnet sein Programm als "Cross Over Küche von Japan bis Kalifornien", bei der aber auch die österreichische Hausmannskost nicht fehlt. An der Bar - wie könnte es anders sein - werden passend zur Einrichtung allerlei Fischsnacks angeboten.