architektur fachmagazin / Heft 4, Mai 2000
Frischzellenkur
von Franziska Leeb

Bad Gastein einst beliebter Kurort der Reichen, Schönen und Mächtigen, hat bereist bessere Tage gesehen. Besucht man den Ort heute, ist vom Glanz der Vergangenheit zwar noch viel zu spüren, ansonsten scheint die Tourismusgemeinde in einen tiefen Dornröschenschlaf verfallen zu sein. Leerstehende Hotelruinen, hilflose Restaurierungsversuche und so manche Unterkunft, deren Ausstattung nicht dazu geeignet ist, den modernen, von den zahlreichen neuen "Wellness-Hotels" verwöhnten Gast zufrieden zu stellen, verbreiten leise Lethargie.

Eine Frischzellenkur der gelungenen Art widerfuhr nun dem ehemaligen Kurhaus Thaler. Das 1927 im Heimatstil errichtete Gebäude liegt etwas außerhalb des Ortszentrums. Nachdem der Betrieb als Kurhaus eingestellt wurde, diente es eine Zeit lang als Billigherberge. Der Wiener Architekt Heinz Lutter hat dem Haus neues Leben eingehaucht, wobei es nicht ganz einfach war, in der vorhandenen Struktur achtzehn qualitätsvolle Apartments unterzubringen. Um den Umbau wirtschaftlich sinnvoll zu bewerkstelligen, sollte nämlich so wenig wie möglich am Bestand verändert werden. Es grenzte an Sisyphusarbeit, bei unterschiedlichen Geschoßhöhen, verwinkelten Grundrissen und einem Patchwork verschiedener Bautechniken dem Gebäude eine neue Nutzung als eher hochpreisiges Apartmenthaus einzuschreiben.

Die bestehende Fassade wurde bloß restauriert und blieb - bis auf zum Teil erneuerte Balkone - so gut wie unverändert. Als Erkennungszeichen der Neunutzung dient das Portal in frischem Lichtgrün, ein Farbton, der sich als Logofarbe durch das ganze Haus zieht. Eine stärkere Veränderung erfuhr das Dach. Eine ursprünglich geplante Aufstockung wurde in der eingereichten Form nicht bewilligt. Die neue Lösung sieht so aus, dass das ursprüngliche Satteldach auf einer Seite weggenommen wurde und durch eine kleinteiligere, von unten kaum wahrnehmbare Lösung ersetzt wurde und auf der anderen sich nun eine etwas steilere Dachfläche als wuchtige "Blechscheibe" gegen den Ort stemmt. Der auf drei Seiten um das Gebäude laufende Balkon der Dachgeschoßapartments wird optisch als eine Art Gesimse wahrgenommen und schirmt das Dahinter ab.

Im Erdgeschoß gelangt man rechts direkt vom Windfang in den Frühstücksraum, der dadurch kein abgelegener Raum ist, sondern eher wie ein ganz normales Lokal behandelt wurde. Links, vom Frühstücksraum räumlich nicht getrennt, befindet sich eine kleine Rezeption. Der Stil der Einrichtung wird sich auch in den Zimmern wiederfinden: Schlichte Tische und Polstermöbel in Dunkelblau, hellgraue Kunststoffstühle und eigens angefertigte, mit dunklem Furnier aus Pupinga-Holz bzw. dunkelbraunen Schalungsplatten. Von den Zimmern gleicht keines dem anderen. Abgesehen von unterschiedlichen Größen, unterscheiden sie sich auch im Typus. Es gibt kleine und größere Lofts, Mehrzimmer-Apartments, und für jede Einheit mussten individuelle Möblierungsvarianten und Badezimmergrundrisse ausgetüftelt werden. Alle eigens angefertigten Tische folgen dem gleichen Prinzip zweier ineinander geschobener, verschieden hoher Winkel und dienen je nach Größe als Couchtisch, Schreibtisch oder Nachtkästchen. Die kompakte Kücheneinheit kann mit einer transluzenten Klappe verschlossen werden. Die Badezimmertüren bestehen aus lichtdurchlässigen Doppelstegplatten, um allen Bädern Tageslicht zukommen zu lassen, was mit Fensteröffnungen so gut wie nirgends möglich gewesen wäre.

Maßgeschneidert wurden auch die Duschen im Saunaraum. Da eine massive Lösung den Raum optisch zu stark eingeengt hätte, entschied sich Lutter für eine transparente Lösung in Form einer Achter-Schleife aus Klarsichtplanen. An das gute alte Tröpferlbad erinnert die Schwallbrause, auch sie eine Sonderanfertigung, da solch simple Dinge nicht mehr so leicht in den Programmen der Sanitärindustrie zu finden sind.

Trotz einheitlichem Ausstattungsstandards und einer - vor allem durch den zartgrünen Teppichboden mitgetragenen - urbanen Anmutung vermitteln die Zimmer unterschiedliche Stimmungen: In niedrigeren Räumen mit alten, sechsfach unterteilten Fenstern zum Beispiel schleicht sich ein Flair von Sommerfrische ein; andere wiederum, wie die großen Apartments im neuen Dach, wirken durch und durch modern und könnten überall beheimatet sein.

Unter den gegebenen Voraussetzungen und einem sehr knappen Kostenrahmen hat Heinz Lutter es geschafft, frischen Wind in das alte Kurhaus zu bringen. Der Spagat zwischen Ökonomie und gestalterischem Anspruch, zwischen Bewahrung der Substanz und modernen Zutaten scheint gelungen. Das Projekt könnte gewiss Vorbildwirkung für so manch andere Belebungsaktion eines stillgelegten oder veralteten Hotelbetriebes - nicht nur in Bad Gastein - sein.