Kindertagesheim Ullreichgasse / von Walter Zschokke

Das mehrgliedrige Gebäude liegt längs einer ruhigen Stichstraße in der Nähe der Neubauten der Veterinärmedizinischen Fakultät. Obwohl unter einem Dach zusammengefaßt, versammeln sich fünf klar unterscheidbare Volumen um eine langgezogene Halle mit gerader Treppe und laubengangartigen Erschließungswegen im Obergeschoß. Dies ergibt ein Bauwerk, bei dem die Raumzonen zwischen den raumwirksamen Volumen nutzungs- und klimamäßig differenziert sind. Während die drei zum Kubus tendierenden zweigeschoßigen Baukörper mit je einer Kombination Gruppenraum - Garderobe - Sanitärraum pro Geschoß eine horizontale Holzverschalung aufweisen, wird die Wärmedämmung um den Baukörper mit den Diensträumen und jenen mit den Küchen von einer Profilblechhülle geschützt. Der Kern der tragenden Wände ist in beiden Fällen schalungsroher Beton, der an den Innenwänden durch eine hellblaue Lasur soweit verfremdet wird, daß der reine Zweckbaucharakter, wie er manchen Sichtbetonbauten anhängt, überspielt wird.

Die hölzerne Verschalung der Gruppenräume zieht sich auch im Bereich der Halle um die Körper herum und betont deren Autonomie. Neben der raumakustischen Wirkung dieser Maßnahme gewinnt die Halle damit einen Binnenraumcharakter, wird sie doch räumlich erst durch die Verdichtung der Volumen zu einer Gruppe erzeugt. Als »Außenraum«, der sich zwischen die Baukörper hineinzieht, ist sie von diesem durch Glaswände, die sich von Volumen zu Volumen spannen, klimatisch abgetrennt.

Die großen Glasflächen, vor allem jene im Norden, lassen sehr viel und angenehmes Licht in diese gemeinsame Halle eindringen, sodaß sie hell und luftig wirkt. Im übertragenen Sinn entspricht diese Halle einem öffentlichen Platz in einer kleinen Stadt. Die Gruppenraumvolumen lassen sich mit den platzraumbildenden Häusern gleichsetzen.

In den Lücken zwischen diesen Volumen sind gedeckte Terrassen und darüber ebenfalls ebenfalls beschirmte Balkone eingesetzt. Sie bilden quasi einen räumlichen Filter vom reinen Außenraum zum klimatisch abgetrennten Binnenraum der Halle, die ihrerseits für die Gruppenräume, die Dienstzimmer und die Küchen – relativ gesehen – zum Außenraum wird. Damit sprechen die Architekten ein großes Thema der Baukunst an, das immer wieder Gegenstand von Bauwerken war. Die Anwendung dieses typologischen Ansatzes für einen Kindergarten von vergleichbar geringen Ausmaßen zeigt aber, daß auch bei dieser Größenordnung das Thema zum Klingen gebracht werden kann, wenn das Konzept architektenhandwerklich sorgfältig durchgearbeitet ist. Dabei spielt die Tageslichtregie eine ebenso wichtige Rolle wie der disziplinierte Umgang mit den Materialien.

Die Gruppenräume selbst weisen im unteren Bereich sehr viel Holz auf, im oberen Wand- und Deckenbereich ist es wieder der aus glatter Schalung kommende, lichtblau lasierte Beton. Zahlreiche Fenster von abwechselnd hoch- und querformatigem Zuschnitt lassen das Tageslicht eindringen,
doch werden die querformatigen durch außen angesetzte Vordächer verschattet, damit der Ausblick der Kinder blendfrei bleibt. Daß die Brüstungshöhen mit ihren Augenhöhen übereinstimmen, ist selbstverständlich. Der erforderliche Stauraum im Gruppenzimmer ist als freistehender hölzerner Kubus ausgebildet und frei verschiebbar in den Raum gestellt. Er teilt den Einraum in verschiedene Zonen auf und kann nach den Wünschen der Betreuerinnen umgestellt werden.
Die positive Stimmung in der Kindertagesstätte zeigt, daß zeitgenössische Architektur in qualifizierter Form Kindern und Betreuerinnen »zumutbar« ist. Das starke architektonische Konzept der Binnenhalle und die sorgfältige Durcharbeitung auch der gestalterischen Details wirken überzeugend und identitätsstiftend. Später, wenn sie einmal zurückdenken, werden die älter gewordenen Kinder sich erinnern können und feststellen: Ich habe in einem architektonisch ambitionierten Kindergartengebäude einen wesentlichen Teil meiner Kindheit verbracht. Daß dabei verschiedene Ansätze möglich und nötig sind, versteht sich von selbst.