Der Standard / 8.6.1997
Tanzende Kuben im Weinberg
Ein kleines Wohnprojekt in Niederösterreich von Architekt Heinz Lutter (Mitarbeiter: DI Ralf Aydt) steht hinsichtlich Wohnqualität und Erfüllung individueller Bedürfnisse einem Einfamilienhaus um nichts nach
von Franziska Leeb

Die Wohnanlage mit vier Einheiten liegt auf einem leicht abfallenden Plateau am Fuß der Klosterneuburger Weinberge. Von der vorbeiführenden Straße weg steigt der Hang steil an. Die Autos bleiben daher unten, und direkt vor die einzelnen Haustüren führt nur eine abgetreppte Rampe mit angenehmer Steigung.

Einem zweigeschoßigen Riegel aus weiß verputztem Ziegelmauerwerk wurde der Part des ordnenden Elements zugeteilt. Der lange Baukörper steigt mit dem Geländeverlauf an und bildet das schützende Rückgrat der Anlage. Die Fassade der massiven Nordwand, die sich nur zurückhaltend mit sparsamen Schlitzen öffnet, wirkt ruhig und ausgeglichen, und erst auf den zweiten Blick fällt auf, daß die Aufteilung der Fenster von Haus zu Haus variiert. Dennoch wirkt die Front nicht abweisend.

An den Haustüren manifestiert sich ein Spiel zwischen Offen- und Verschlossenheit, das symptomatisch für die ganze Kleinsiedlung ist:
Die genietete Blechverkleidung - der Struktur gepolsterter Türen ähnlich-vermittelt einerseits eine gewisse Abgeschottetheit, doch gleichzeitig sorgt gleich daneben ein verglaster Schlitz für ausgleichende Transparenz.
Den kollektiven Riegel koppelte Lutter mit vier Einzelbaukörpern im Süden, wobei die Stiegenhäuser als Verbindungsgelenk dienen. Der Kontrast zwischen dem massiven Riegel und den in Leichtbauweise errichteten Annexbauten wird in der Materialisierung der Fassade deutlich formuliert: Der strengen Putzfassasde wird mit der Sperrholzverkleidung der "leichten" Baukörper eine Oberfläche entgegengesetzt, die durch ihre Dünnheit der Bezeichnung "Haut" mehr als gerecht wird. Die gelb gestrichenen, nur acht Millimeter starken Lamellen wirken fragil und leicht verletzbar.

Der Einsatz der dünnen Sperrholzplatten an den Außenwänden war eine mutige Entscheidung, da die Entwicklung des Materials unter Witterungs-
einfluß kaum vorhersehbar ist. Eine gewisse Patina unterstützt jedoch auch den Charakter des Lebendigen, wie es mit manch beständigerem Material vermutlich nicht zum Ausdruck gebracht werden hätte können. Die Kuben folgen nicht der geradlinigen Orientierung des Riegels, sondern sind in jeweils unterschiedlichen Winkeln zueinander hin bzw. voneinander weg geschwenkt, wodurch das Gefüge in eine beinahe tänzerische Bewegung zu geraten scheint. Zwei Dinge konnten damit erreicht werden: die Einzelbaukörper nehmen dem Projekt die Starrheit einer Reihenhaussiedlung und verstärken somit für jede Familie das Gefühl, ein eigenes, unabhängiges Haus zu besitzen. Andererseits entstehen durch die Drehung der Würfel geschützte Plätze, sich verengende oder erweiternde Durchgänge, die wie Kleinformen medi-
terraner Stadtstrukturen anmuten. Das südliche Flair wird durch die gelbe Färbelung der Holzfassade noch verstärkt, die auch in dunklen Winter-
monaten noch freundliches Licht bis in die Innenräume verströmt. Die Westfassade der Stiegenhäuser und die Südfassade der Kuben löste Heinz Lutter in einem strengen Rastersystem auf, das variable Lösungen zuließ. bare und nicht öffenbare, transparente und undurchsichtige Flächen sind somit bei jedem Haus anders aufgeteilt.

Individuelle Unterschiede wirken sich bei Betrachtung des Äußeren keineswegs auf die Homogenität der Anlage aus. Um so größer dann die Überraschung, wenn sich herausstellt. daß die einzelnen Häuser über völlig verschiedene Grundrisse verfügen. Die einzigen Konstanten sind die Stiegenhäuser und die über sie erschlossenen Dachterrassen. Ansonsten wurden die verschiedenen Funktionen je nach Erfordernisse der Bewohner festgelegt.