Deutsche BauZeitschrift DBZ 1/2007

Lindgrün im Villenviertel

Eine ehrwürdige Wiener Villa krönte Architekt Heinz Lutter mit einem  lindgrünen Dachaufbau. Hinter semitransparenten Brüstunsgbändern beginnt über der alten Gesimskante das neue Penthouse-Feeling mit Terrasse. Eingeschnittene Türobjekte, Gaupen und Glasfronten bieten unter Pultdach und Tonne sparrenfreies, offenes Wohnen im Holzleichtbau am Dach.
(Isabella Marboe)

Wiener Dächer sind ein Kapitel für sich: niedriger als die charakteristischen Pariser Mansarden, waren sie nie zum Wohnen konzipiert. Die pragmatische Hauptfunktion der Sparrendachstühle lag im Schutz vor Nässe und Frost. Dann kam das Revival der Innenstadt. Althaus-und Sockelsanierungen führten zu einem Boom an Dachausbauten, die teils heftige Kontroversen auslösten. Obwohl jeder von der MA 19 genehmigt werden muss, fürchten Stadtbildschützer und Denkmalpfleger um die Wiener Silhouette, deren Maßstab die rege Bautätigkeit schon verformte. Denn das Wohnen unterm Dach ist schick und für Investoren sehr lukrativ, gebaut wird bis an die maximal zulässige Kubatur.

Neue Dachformen

Seit die Innenstadt mit ihren Sichtachsen zum UNESCO-Weltkulturerbe und viele Ensembles in anderen Bezirken zur Schutzzone erklärt wurden, verschärfte sich die Debatte, die Luft über der Gesimskante wird immer dünner. Die gängigste, weil stadtbildvertäglichste Lösung liegt in Gaupen und Schrägverglasung, was bis zu einem Drittel niederer Raumhöhe im Bereich der Gesimse und dem Drempel der flach geneigten Dächer mit sich bringt. Neben der zinkblechverkleideten Norm entstanden einige expressive Einzelobjekte. So ließen Coop-Himmelb(l)au eine Stilikone des Dekonstruktivismus stahlflügelschwingend aus einem Dach über der Falkestrasse ausbrechen (1984-89), auch andere loteten seither die Bauordnung innovativ aus, um mehr räumliche Qualität unters Dach zu bringen.
Die Stankt Veit Gasse liegt in Hietzing, einem noblen Wohnbezirk am Stadtrand. Einige Ikonen der frühen Moderne und ehrwürdige Stadtvillen in großen Gärten, die vor allem zwischen Historismus und Jugendstil entstanden, prägen die Gegend. Auch der Bestand stammt aus dieser Zeit: ein H-förmiges, symmetrisches, dreistöckiges Haus mit glatt verputztem Sockel und einem Satteldach mit zwei Walmen. Schmale, zweiläufige Stiegen teilen die Seitenflügel in eine flache Straßen – und tiefere, terrassierte Gartenseite mit halbrunden Veranden. Ein balkongekröntes Loggienelement und zwei Baumriesen schmücken die von den Seitenflanken gegliederte Straßenfassade, der übernächste Nachbar ist das Haus Müller von Adolf Loos.

Luftiges Penthouse über den Bäumen

„Wir wollten mit dem Dachausbau den Wert des Hauses steigern, moderne Architektur ist ein Weg dazu,“ sagt Ing. Karl Raabl, Projektentwickler der Conwert-Immobilien. „Schrägverglasung und Gaupen waren zu wenig, zeitgemäße, helle Wohnungen mit genug Raumhöhe und Terrasse sollten es sein.“ Gefragt waren maximale Nutzfläche und Komfort zu ökonomischen Kosten, gestalterisch hatte Heinz Lutter freie Hand. „Hier hat man rundherum einen wunderbaren Blick ins Grüne, wir setzten neue, penthouse-artige Räume mit Terrassen aufs Dach, von denen man gleichsam in die Bäume treten kann.“ Der Bestand darunter brauchte nicht mehr als einen lochblechverkleideten Lift, der als extra schmale Sonderkonstruktion zwischen zentimeterweise zurechtgestutzten alten Treppen in der Spindel sitzt.
Der Altbau liegt in der Schutzzone, die Bauordnung gestattete 12 Meter bis zur Traufenkante, der eingeschossige Dachaufbau mit den über dem Gesims vor- und rückspringenden Terrassen, den schräg geneigten Tonnen über den Seitentrakten, dem Pultdach in der Mitte und vorspringenden Gaupen ist angewandte Mathematik im Rahmen der zulässigen Kubatur. Die Mühe lohnte, anstandslos passierte er die Begutachtung durch die MA 19. „Das alte Dach konnte nicht viel, wir setzten etwas signifikant Neues drauf. Die Form war sehr wichtig, sie sollte Erscheinungsbild und Volumen des Bestands nachempfinden,“ sagt Lutter. Bis auf einen Stahlträger über den mittigen Kaminrücken ist es eine reine Holzriegelkonstruktion, die lindgrüne Außenhaut aus Prottelith eine der Umgebung angemessene Fortsetzung des Materialexperiments mit Kemperol.

Innovation und Pragmatik

Prottelith ist ein nach patentiertem Verfahren aus zementummantelten EPS-Recyclinggranulat erzeugter Leichtbeton. Es ist nicht brennbar, feuchtigkeitsunempfindlich, schallabsorbierend, dampfdiffusionsfähig, dämmend und von hoher Festigkeit. Die vier Zetimeter starken Brandschutzplatten wurden mit Gewebe überzogen und fein überspachtelt, den erhöhten Brandschutzanforderungen an ein Wiener Dach genügte das aber nicht. „Wir überschätzten die Technik“, gibt Heinz Lutter zu. „Wir durften zwar die Außenwände mit Prottelith verkleiden, mussten aber ein Zinkblechdach ausführen.“ Viel Detailaufwand war nötig, um es unsichtbar hinter der ums Eck gezogenen Prottelithhaut zu verbergen und die umlaufende Entwässerung frostfrei innen abzuleiten. Adolf Loos würde das verstehen.
Unter den mit Gipskarton beplankten, raumbildenden Trägern stellt sich differenziertes Wohngefühl ein. In den zwei großen, durchgesteckten Einheiten entstehen unter der Pultdachschräge unterschiedliche Raumatmosphären: an der niederen Straßenseite schafft der geschlossene Prottelith-Erker mit Seitenfenster einen intim-geschützten Bereich, vollverglast öffnet sich die zu 3,40 Meter Höhe ansteigende Gartenhälfte zum Einraum am Grünen.  Weiße Wände und Decken, durchgehendes Weißbuchenparkett und raumhohes Glas verstärken den offenen Raumcharakter. Breite Stufen aus grauen MDF-Platten, die Heizkörper bergen und den durch den Terrassenaufbau bedingten Höhensprung überspielen, flankieren die Glasfront. Sie lassen sich als Ablage-und Sitzfläche nutzen und gehen optisch scheinbar fließend in die grauen Waschbetonplatten draußen über.
Unter den Tonnen der Seitentrakte liegen je zwei Kleinwohnungen, auch hier erzeugt die Gaupe an den Schmalseiten Intimität, wie ein Möbel durchschneidet der Türrahmen aus Buchenholz mit zwei Stufen die Dachhaut, eine verstellbare Sonderkonstruktion hält die Glastür zum Balkon. Über Garten und Straße herrscht auch hier transparente Weite vor Brüstungen aus Lochblech, die Licht und Blick durchdringen lassen und als feiner, neuer Rahmen auf dem Gesims sitzen.  „Hier gibt es keine Dachschrägen, es ist sehr hell, ich wohne gern da“, sagt eine Mieterin. Vor Fertigstellung waren alle sechs Wohnungen vergeben.