architektur Fachmagazin
Heft 6 – Sept 2003

Dachgeschoßaufbau auf Gründerzeithaus, Wien

Dachterrassenwohnungen, Dachgeschoßausbauten und Penthäuser gehören mit zu den begehrtesten Wohnformen des modernen Städters. Der in den meisten größeren Städten sehr hohe Altbaubestand mit seinen mehr oder weniger brachliegenden Dachböden, bietet ein großes Potenzial für die Schaffung von neuem und vor allem sehr hochwertigem Wohnraum. Wohnen auf dem Dach bedeutet in erster Linie der Hektik, dem Lärm und dem Staub der Straße entrückt zu sein, und das im Idealfall in bester Zentrumslage.
Ein ganz außergewöhnlicher Vertreter der Gattung „Dachgeschosswohnung“ entstand im letzten dreiviertel Jahr im neunten Wiener Gemeindebezirk und wurde in der ersten Septemberwoche den zukünftigen Bewohnern übergeben. Ein um 1865 errichtetes Gründerzeithaus bildet die Basis für das „Haus auf dem Haus“, wie Architekt Heinz Lutter seine Version des Wohnens nahe dem Himmel betitelt. Mit seinem ersten Projekt aus einer Serie von vier Dachgeschoßauf- bzw. ausbauten in Holzbauweise, die im Laufe dieses und des nächsten Jahres fertig gestellt werden sollen, setzt er neue gestalterische Maßstäbe. Kein Dachgeschoßausbau im klassischen Sinn ist der hellblaue „Parasit“, der sich auf dem Dach des Hauses Ecke Spitalgasse/Gießergasse festgekrallt hat, sondern ein Statement für einen neuen Umgang mit dem Thema „Dach(h)ausbau“. Ein ganz und gar eigenständiges Objekt, das, von gestalterischen Zwängen durch den Bestand unbeeindruckt, als unabhängiger Baukörper entwickelt wurde. Einzig die horizontalen Abmessungen des Sockelbauwerkes und die -vorgaben durch die Wiener Bauordnung galt es einzuhalten bzw. auszuschöpfen. Im baurechtlichen Sinne galten für die Planung die Bestimmungen für Dachgeschoßausbauten, was vor allem im Bereich des Brandschutzes gewisse Erleichterungen mit sich brachte. Die laut Bauklasse erlaubte Gesamthöhe wurde voll ausgenutzt. So war es möglich, das bestehende, dreigeschossige Gebäude im Bereich Spitalgasse um drei weitere Vollgeschoße, im Bereich Gießergasse, aufgrund der schmäleren Straßenbreite und der Einhaltung des Lichteinfallswinkels, um zwei Geschosse zu erhöhen. Die ungewöhnliche Form des Aufbaus ist das Resultat vielfältigster Einflussfaktoren, allen voran natürlich der architektonischen Zielvorstellung. Die Bauordnung, das Bausystem und die verwendete Außenhülle haben das Ergebnis aber entscheiden mitbestimmt. Hauptsächlich aufgrund des geringen Gewichts und der kurzen Montagezeiten entschieden sich Bauherr und Architekt für eine Fertigteilkonstruktion in Holz-Leichtbauweise. Um einen geeigneten Zimmerer zu finden, wurde österreichweit ausgeschrieben. Das Rennen machte schließlich das Osttiroler Holzbauunternehmen Unterluggauer mit einer Sandwich-Konstruktion aus 14 Millimeter dicken, unbehandelten Fichtenholz-Platten in doppelter Ausführung, die an der Innenseite mit zwei Lagen Gipskartonplatten verkleidet sind. Bemerkenswert war vor allem die hohe Passgenauigkeit der einzelnen Fertigteilelemente, die samt Transport in nicht ganz zwei Wochen bereits fixfertig versetzt waren.
„Als Grundlage für die computergesteuerte Fertigung der einzelnen Elemente dienten unsere Planunterlagen. Noch vor dem Abriss des alten Dachstuhls wurde ein einziges Mal das Naturmaß genommen und danach die Fertigteile produziert. Die Montage erfolgte innerhalb von nur zehn Tagen. Nach den Maßen und den Zeichnungen des Holzbauers wurde ein Element nach dem anderen montiert, und alle Einzelteile haben auf Anhieb Millimeter genau gepasst. Das ist wirklich sensationell. Auf der grünen Wiese ist das Bauen mit Fertigteilen und das Einhalten von Passgenauigkeiten keine großartige Sache, aber auf einem weit über hundert Jahre alten Haus, das nicht einen rechten Winkel aufweist, wo zusätzlich auch bestehende Rauchfänge eingepasst werden müssen, ist das eine echte Sensation“, weiß Architekt Heinz Lutter voll Begeisterung zu berichten.
Als äußerste, wetterfeste Schutzschicht für die Holzkonstruktion dient der Flüssigkunststoff Kemperol, hellblau gestrichen. Das elastomere Polyester wurde speziell für die Abdichtung schwieriger Details im Dachbereich entwickelt. Es wird flüssig aufgetragen und mit einem speziellen Vlies armiert, ist dauerelastisch und zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es sich jeder Oberfläche wie eine zweite Haut anpasst. Alle vom Straßenraum her einsehbaren Flächen weisen eine Mindestneigung von sechzig Grad auf, was die Verwendung von Kemperol problemlos gestattet. Die unkonventionelle Architektur des Aufbaus bietet die Möglichkeit, Dachgeschosswohnungen ohne die sonst üblichen Schrägen und toten Winkel zu gestalten. Die zwölf freifinanzierten Eigentumswohnungen zwischen 46 und 96 Quadratmetern unterscheiden sich auch bezüglich ihres Innenlebens von herkömmlichen Wohnungen oder Dachgeschoßausbauten. Das offene Raumkonzept, zurückhaltend gestaltete Oberflächen und die signifikante Form vermitteln ein gänzlich neues Wohngefühl.
Elf der zwölf Wohnungen sind als Maisonetten zweigeschossig ausgeführt und nutzen die äußere Form für Galeriegeschoße, Lufträume und Durchblicke zwischen den einzelnen Ebenen. Alle Wohnungen sind sowohl zur Straße als auch in den Innenhof orientiert und besitzen einen Balkon oder eine Terrasse. Sie nutzen damit dank großflächiger Fensteröffnungen den Ausblick auf die Dächer der Stadt und gleichzeitig auch die Gunst des ruhigen Innenhofs. Der Zugang zu den neu entstandenen Wohnungen erfolgt ebenfalls über den geschützten Innenhof. Ein Laubengang übernimmt hier als Kommunikationszone die Aufgabe, die früher dem typisch wienerischen Basena-Wandbrunnen im Hausgang zugesprochen wurde.
Wiens Dachlandschaft ist ein spannendes Betätigungsfeld für Architekt und Planer, welches in den nächsten Jahren noch viel Potenzial für Umbauten und Erweiterungen bereithält. Im Büro von Heinz Lutter sieht man der Entwicklung mit Spannung entgegen. Hausdächer und Dachböden im eigentlichen Sinne kennt man dort schon fast nicht mehr. An ihre Stelle ist die „Bebauungszone“ 15 bis 21 Meter über dem Straßenniveau getreten. (tom)