Der Standard - ImmobilienStandard
22./23. November 2005-02-18

Statement on top of the roof
Statement in der Dachzone

Auf ein Eckhaus der Gründerzeit setzte Architekt Heinz Lutter ein markantes Zeichen in die Wiener Dachlandschaft. Im blauen, organisch geformten Aufbau stecken helle, komfortable ein- oder zweigeschossige Wohnungen.

Isabella Marboe

Der neue, hellblaue, unkonventionelle Dachaufbau am Eckhaus Spitalgasse/ Gießergasse ist nicht zu übersehen. Wie ein Signal markiert eine rote Linie, wo das alte Gründerzeithaus endet und das neue beginnt. Früher war hier die Traufe, nun bildet die blaue Balkonbrüstung in kühner Schräglage ein neues Gesims. Von unten nicht sichtbar, ist dahinter eine Terrasse für die Bewohner. Dynamisch wölben sich zwei organisch geformte, blaue Baukörper mit horizontalen Fenstereinschnitten gegen den Himmel.

Architekt Heinz Lutter hatte genug von konventionellen Lösungen, er wollte ein Statement setzen und was ganz anderes machen. Bezugspunkt für das neue Objekt war nicht das Gründerzeithaus, sondern die Dachsilhouette des Straßenzugs. Schräg wie die Balkonbrüstung wölben sich das dreigeschossige Objekt an der Spitalgasse und sein zweigeschossiges Pendant auf der Gießergasse in die Höhe. Die neue Form erfordert eine neue Bauweise. Hochprofessionell und passgenau fertigte die Osttiroler Firma Unterluggauer Holzfertigteilelemente, in zehn Tagen stand die gedämmte, innen mit Gipskartonplatten verkleidete Sandwichkonstruktion auf der Stahlbetondecke. Als wetterfeste Außenabdichtung wurde das Holz mit dem dauerelastischen Flüssigkunststoff Kemperol überzogen und blau gestrichen. Ein Experiment mit temporär-leichtem, südlichem Flair.

Der historische Eckbau liegt in exponierter Lage. An der Spitalgasse erlaubt die Bauordnung einen dreistöckigen Aufbau, gegenüber befindet sich der Arne-Carlsson-Park. Von hier aus ist der neue Aufbau mit dem organisch geformten, zweigeschossigen Fenster deutlich zu sehen. Umgekehrt hat man aus der spektakulären Eckmaisonette einen weiten Blick über die Stadt. Sie beginnt im zweiten Dachgeschoss, Licht flutet durchs markante Südfenster in die 40m2 große Wohnküche, eine futuristische Metallstiege führt am Glas entlang hinauf. Dort sind zwei Terrassen, eine davon landet wie ein Ufo am blauen Gießergassendach. Die schlanken Metallschlote, die hoch in den Himmel ragen, lassen an ein Schiff denken und bieten auch vom Innenhof einen fulminanten Ausblick. Der andere Teil der Terrasse gehört der Nebenmaisonette, auch die zwei weiteren haben einen Hofbalkon. Darunter sind eingeschossige Wohnungen, dynamisch wie das neue Balkongesims steigen die Wände. Alle Einheiten sind Ost-West zur Spitalgasse und zum ruhigen Hof orientiert, zweiseitig belichtet und haben Zugang ins Freie. Die bestehenden Kamine wurden so geschickt in die klaren, offenen Grundrisse integriert, dass sie nicht stören.

Die drei Trakte des Aufbaus sind als eigenständige Hauszeilen mit 12 Wohnungen von 50-110 m2 um den Innenhof mit Baum gruppiert. Der neue Bauteil an der Gießergasse besteht aus lauter Maisonetten, innovativ zeigen sich auch die einläufigen Holzstiegen. Die Wangen wurden in schmale Scheiben zerlegt, die Treppe wird zur leichten, gitterartigen Skulptur. Straßenseitig strömt vom Süden Licht herein, Erschließung, Sanitär und Schlafen liegen zum ruhigen Hof. Blaues Steingranulat bedeckt den erschließenden Laubengang, Holzlatten die gedeckten Privatbalkone, metallene Gitter bilden das Geländer. Die ungewöhnliche, schwimmbadblaue Form der straßenseitigen Aufbauten, die vielen Freiflächen, auskragende Terrassen und der Blick auf Kamine, Schlote, Balkone und die umgebende Dachlandschaft erzeugen mediterranes Feriengefühl. Im dritten, westlichen Innentrakt wurde die alte Konstruktion ausgebaut. Statisch verstärkt, neu gedeckt und mit Gaupen versehen ist er eine Wohnoption für weniger Mutige. Ein Kontrast, der die Dachvielfalt im Hof mehrt.